Lichtgaenger 2017

 

 

LICHTGAENGER

 

Aurelia Waßer eröffnet mit ihren jüngsten bildhauerischen Arbeiten in Acryl eine ganz neue Dimension ihres Schaffens. Nachdem ihre Gestalten zunächst ganz der Bilderwelt der Acrylfarben verhaftet waren, traten sie später mehr und mehr als Reliefs und Halbplastiken aus Asche, Kohle, Wachs oder Papier aus der Leinwand hervor. Schließlich wurde das Papier zum alleinigen Gestaltträger vollplastischer Skulpturen, der bekannten Lichtgestalten oder Metamorphosen.

Mit ihren jüngsten Arbeiten wird Aurelia Waßer nun aber ganz zur „Bildhauerin“ im eigentlichen Sinne, indem sie ihre Figuren als Hohlreliefs (oder „versenkte Reliefs“, wie in der altägyptischen Kunst) in prismatische Acrylblöcke hineinschlägt. Dadurch werden ihre ohnehin ätherischen, beinahe körperlosen Gestalten vollends „immateriell“. Denn sie konstituieren sich als Hohlreliefs gerade dort, wo das Material weicht.

 

Die Effekte sind außerordentlich: Aufgrund der prismatischen Form des Acrylblocks vervielfältigt sich die einzelne in ihn geschlagene Figur, so dass wir, je nach der räumlichen Position, die wir dem Kunstwerk gegenüber beziehen, zu gleicher Zeit bis zu vier schimmernde Erscheinungen der Figur wahrnehmen können – die „Dematerialisierung“ der Figur ist damit beinahe vollständig. Denn drei ihrer vier Gestalten sind ein funkelndes, aber immaterielles Produkt der prismatischen Spiegelungen des ursprünglich „geschaffenen“ Hohlreliefs.

Überraschenderweise stellen sich uns diese Erscheinungsformen als optisch inkongruent dar. Durch die prismatisch bedingte Perspektivverschiebung erscheint die einzelne Gestalt in ihren jeweiligen Spiegelungen als immer wieder andere. So haben wir es mit ganz verschiedenen, beinahe unwirklich lichten Gestalten zu tun, obschon faktisch nur eine einzige Gestalt in den Acrylblock geschlagen wurde.

 

Mit dieser optischen Irritation leistet Aurelia Waßer einen formidablen künstlerischen Beitrag zur philosophischen Identitätsdebatte. Wie bereits gesagt: Die einzelne Figur erscheint uns im Prisma als eine jeweils ganz andere. Und damit zeigt sich das Selbst der einzelnen Gestalt nur noch in den schwebenden Spiegelbildern unterschiedlicher Gestalten, deren Summe aber möglicherweise eine leise Ahnung der figurativen Identität der Ursprungsfigur vermitteln kann.

Übertragen wir dieses figurative Geschehen vollends auf unsere eigene personale Wirklichkeit, auf das permanente Problem der Konsistenz unseres Selbstbildes, dann zeigt sich an Aurelia Waßers Kunst, was schon Anselm Strauss feststellte, dass nämlich die personale Identität nurmehr ein Reflexbündel in einem Mehrfachspiegel ist.

 

Das wird uns spätestens dann bewusst, wenn wir die Skulpturengruppe, die Aurelia Waßer aus sechs ihrer zwei Meter hohen Acrylprismen konstelliert, betreten. Sogleich finden wir uns in einem Kaleidoskop mannigfaltig um uns tanzender Figuren wieder, die beständig ihre flagrante Gestalt zu wechseln scheinen, sich quasi nach Belieben vervielfältigen oder vereinzeln und miteinander in leuchtende Spiegelbeziehungen eintreten. Unweigerlich werden wir da mit hineingezogen: In vielfacher Gestalt, in multiplen Ansichten und ungewöhnlichen Belichtungen begegnen wir uns selbst (inmitten all der anderen Gestalten) immer wieder überraschend anders und werden uns dabei ganz und gar un-selbst-verständlich. Wir begreifen unmittelbar, was der Dichter Arthur Rimbaud mit seinem Diktum meinte: „Ich ist ein Anderer“.

Verziehen sich dann noch die Wolken am Himmel und beleuchtet die Sonne die prismatische Szene mit allen Farben des Regenbogenspektrums, wird die „Entselbstverständlichung“ unseres vertrauten Selbstbildes vollkommen. Dann mutet uns die Begehung der Skulpturengruppe an wie ein himmlischer Tanz sich selbst fremd gewordener Gestalten, die gerade in dieser Erfahrung zu sich kommen und dabei im Innersten, auf merkwürdig lichte Weise, miteinander verbunden sind – und wir mit ihnen.

© Stefan Jooß